22. Ukrainisches Weihnachtsfest
- tanja0563
- 22. Dez. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Johanna kuschelt sich noch einen Moment in den warmen Ledersitz. Sitzheizung ist schon was Tolles. Sie hat sich etwas ungeschickt rückwärts in diese Parklücke manövriert, musste mehrmals wieder ein Stück raus und wieder rein, dabei war letztlich an beiden Seiten recht viel Platz. Wie peinlich. Zumal sie später in dem Haus gegenüber einen Mann auf dem Balkon entdeckt, der das vermutlich beobachtet hat. Seltsam, was treibt der da wohl, auf dem dunklen Balkon vor der nicht beleuchteten Wohnung?
Es wird ihr zu blöd, weiter im Auto darauf zu warten, dass die Zeit vergeht und es 19 Uhr würde. Wenn sie wie geplant am „offenen Adventskalender“ bei der Nachbarin teilgenommen hätte, wäre die Zeit ganz schnell vergangen. An circa zehn Terminen in der Adventszeit laden Nachbarn zu 18 Uhr vor ihre Haustür ein. Meist gibt es an einer Feuerschale Glühwein und Punsch und nette Gespräche mit den anwesenden Nachbarn. Nach einer Stunde löst sich das Ganze dann wieder auf. Dieses Jahr hatte Johanna es noch zu keinem der Termine geschafft. Heute hatte sie es sich fest vorgenommen, aber es regnete und alle Gäste wurden ins Haus gebeten. Das schreckte Johanna ab.
Sie fühlt sich nicht präsentabel und hat zudem nichts zu erzählen. Was soll sie dann bei so einer klassichen Small-Talk-Veranstaltung? Wenn es draußen gewesen wäre, hätte sie sich als zuhörende Beobachterin versucht. Vielleicht beim nächsten mal? Naja- nach vorne schauen: nun es geht zum Literaturkreis. Da wird über ein Buch gesprochen, nicht über sie selbst!
Sie öffnet die Autotür, steigt aus und geht langsam, Schritt für Schritt, in Richtung Gemeindehaus. Sie verriegelt noch das Auto und konzentriert sich dann darauf, möglichst aufrecht zu gehen, auf den feuchten Pflastersteinen nicht auszurutschen und nicht von aus Parklücken preschenden Autos umgefahren zu werden. Die Rampe direkt am Gemeindehaus ist lang und nicht gut beleuchtet, aber Schritt für Schritt geht auch das.
Dann steht sie vor der Eingangstür- und findet sie verschlossen! So ein Ärger, Stehen ist noch soo viel anstrengender als Gehen! Hier kann sie sich auch nirgendwo hinsetzen weil alles nass und kalt ist. Also schaut sie sich die Eingangstür genauer an und findet eine Klingel. „Pastor“ wohl nicht, also probiert sie es bei „Gemeindesaal“. Nach dem zweiten Mal klingeln öffnet jemand, der eher aussieht, als wäre er eher einfach nur zufällig an der Glastür vorbeigelaufen und hätte sie da stehen sehen.
Sie geht zu der Tür zu dem Gemeindesaal, in dem sonst immer der Literaturkreis stattfindet. Als sie eintritt, ist ihr klar, dass der Literaturkreis heute woanders stattfinden wird, denn hier ist ein Weihnachtsfest in vollem Gange. Es sind Stände aufgebaut, an denen Gestricktes und Eingemachtes verkauft wird. Die Beleuchtung ist feierlich und an einer langen Tafel sitzen ein paar Leute. Am Kopf der Tafel steht ein Trio, das für die weihnachtliche Musik sorgt: eine Frau mit einer Art Zither, die dazu singt. Eine Querflöten-Spielerin und eine Dritte, die ebenfalls singt.
Johanna nimmt auf einem Sessel im Hintergrund Platz und schaut dem Treiben zu. Ein wenig tut es ihr leid, dass die Musiker wohl nur als für die Hintergrundakustik zuständig betrachtet werden, denn viele Leute unterhalten sich recht lautstark. Dass nicht deutsch gesprochen wird, sondern russisch oder vielleicht ukrainisch, hat sie längst rausgehört.
Da erklingt plötzlich ein Lied, dessen Melodie sie erkennt. Sie kennt dieses Lied, sehr sehr gut sogar!! Einem spontanen Impuls folgend steht sie auf, geht zu dem Trio und setzt sich auf eine leeren Stuhl dazu. Sie erinnert sich nicht an den deutschen Text und schon gar nicht an Text in irgendeiner anderen Sprache. Aber die Melodie, die ist ihr soo vertraut und so ans Herz gewachsen, dass sie sie voller Inbrunst mitsummt. Ihr Beitrag scheint das Trio nicht zu stören. Und während sie lächelnd weiter summt, sagt Johanna sich, dass sie nicht ständig denken sollte, dass sie stört. Und summt weiter und es rollen ihr Tränen die Wangen herunter, weil die Melodie so wunderschön ist.
Als das Lied zu Ende ist, lächeln die drei anderen Musikerinnen ihr zu. Sie sagen vieles, das sie nicht versteht aber mehrfach „Bach“. Sie stimmt zu, genau, die Melodie ist von Bach!
Zuhause, nach dem Literaturkreis, der in einem schönen, warmen Raum im ersten Obergeschoß und einem netten Telefonat mit einer jungen Freundin recherchiert sie. Es ist „Ich steh an deiner Krippen hier". Der Text stammt von Paul Gerhardt, der von Bach als Choral BWV 469 vertont wurde. Sie liest weiter: "Bach nutzte diesen beliebten Choral für sein Weihnachtsoratorium (BWV 248), in dem er ihn als Teil der Kantaten verwendet, und es ist auch eine eigenständige Choralbearbeitung für Orgel (BWV 469)." Johanna jubelt innerlich, diese Version kennt sie aus dem Chor und die haben die Ukrainerinnen gesungen. Wie schön. Und seelig schläft sie ein. Denn Morgen ist ein neuer Tag.
__________________________________________________________________________
Hier mal vier der ursprünglich fünfzehn Strophen und ein Link für die Melodie https://youtu.be/Juz5OY94XDk?si=MVO6QWvv7Krweolw.
Ich steh' an deiner Krippen hier
O Jesu, du mein Leben
Ich komme, bring' und schenke dir
Was du mir hast gegeben
Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn
Herz, Seel' und Mut, nimm alles hin
Und laß dir's wohl gefallen
Da ich noch nicht geboren war
Da bist du mir geboren
Und hast dich mir zu eigen gar
Eh ich dich kannt', erkoren
Eh ich durch deine Hand gemacht
Da hast du schon bei dir bedacht
Wie du mein wolltest werden
Ich lag in tiefer Todesnacht
Du warest meine Sonne
Die Sonne, die mir zugebracht
Licht, Leben, Freud' und Wonne
O Sonne, die das werte Licht
Des Glaubens in mir zugericht'
Wie schön sind deine Strahlen
Ich steh' an deiner Krippe hier
O Jesu, du mein Leben
Ich komme, bring' und schenke dir
Was du mir hast gegeben
Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn
Herz, Seel' und Mut, nimm alles hin
Und laß dir's wohl gefallen
Das Instrument nennt sich übrigens "Bandura" und wird auch als die "Stimme der Ukraine" bezeichnet. Die Stimme der Spielerin war wirklich unglaublich gut. Witzig war noch, dass die Sängerin später singend in den Raum platzte, in dem wir als Literaturkreis arbeiteten. Es war ihr hochnotpeinlich- aber wir fanden es schön. Sie hat gar nicht gestört. Im Gegenteil.





Kommentare