18. Schneekugel
- tanja0563
- 18. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit
(Esther)
Miranda ist ganz aufgeregt: Sie geht mit ihren Eltern auf den Jahrmarkt! Sie darf das neue Kleid anziehen mit der blauen Strumpfhose, dazu die neuen roten Schuhe und den warmen Mantel. „Nimm auch eine Mütze und Handschuhe mit, es ist wirklich kalt geworden“ empfiehlt die Mutter, die ebenfalls warm eingepackt ist.
Sie drehen zuerst eine Übersichtsrunde auf dem Jahrmarkt und Miranda kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Was für eine Sinnesexplosion! Laute Musik an den Karussells und die Stimme des Losbuden-Verkäufers, der Wind frischt immer wieder auf, als sie an Schiffschaukel, Achterbahn und Krake vorbeischlendern. Die Geisterbahn erweckt ihre Neugier und all die Buden mit leckeren salzigen und süßen Sachen treiben die tollsten Düfte nach gebratenen Pilzen, Zwiebeln und Knoblauch, Würstchen und Gyros sowie gebrannten Mandeln, kandiertem Apfel, Zuckerwatte, schokolierter Banane und Lebkuchenherzen in die Nase. Dazwischen gibt es noch viele andere spannende Buden und als die Eltern schließlich fragen: „Na, was interessiert Dich?“ ist Miranda ganz aufgeschmissen und zuckt unentschlossen mit den Schultern.
„Vielleicht essen wir erstmal was, in Ordnung?" schlägt der Vater vor. Gestärkt von Currywurst mit Pommes, Gemüsepfännchen und Döner-Pita kaufen sie eine Handvoll Lose, angeln Entchen und werfen auf Dosenpyramiden. Miranda’s Rucksack füllt sich mit Prämien und ihr Strahlen wird immer breiter. Da erreichen sie das kleine, dunkelblaue Zelt eines Wahrsagers. Miranda löst sich von ihren Eltern und geht fast wie in Trance auf diesen Stand zu.
Das Zelt ist einen Spalt offen und das Mädchen betritt es, fast ohne zu zögern. Hinter einem Tischchen mit einer lila Samtdecke sitzt ein sehr alter, runzeliger Mann. „Bist Du ein Wahrsager?“ fragt Miranda begeistert. „Ja, das bin ich wohl“, antwortet der alte Mann. „Siehst Du hier meine Glaskugel? Mit der kann ich in die Zukunft sehen!“ Miranda reisst ungläubig die Augen auf. Sie dreht sich nach ihren Eltern um, die in der Tat auch in das kleine Zelt gekommen sind. Mit eingezogenen Köpfen stehen sie stumm hinter ihrer Tochter. Miranda geht noch einen Schritt auf den Wahrsager zu und schaut ihn erwartungsvoll an.
Da räuspert und erhebt sich der alte Mann und fängt an, in einer der dunklen Holzkisten, die hinter ihm am Boden stehen, zu kramen. „Ahh, da ist sie ja!“ ruft er leise aber mit großer Freude. „Mein schönstes Schätzchen!“ Mit einem Etwas, das in schwarzen Stoff eingewickelt ist, setzt er sich wieder an seinen Tisch. Miranda tritt aufgeregt von einem Fuß auf den anderen. „Nimm doch Platz“, sagte er und schiebt Miranda einen kleinen Hocker zu, während er ihren Eltern beruhigend zunickt.
„Wie ist denn Dein Name, junge Dame?“ fragt er und Miranda schluckt und antwortet „Ich heiße Miranda“. „Miranda, wie alt bist Du?“ fragt er als nächstes. „Ich bin im Sommer zehn Jahre alt geworden“. „Ok, zehn Jahre, das ist wunderbar.“ Er macht eine effektvolle Pause und es scheint, als bliebe die Zeit einen Moment stehen und als würden die Geräusche und Gerüche von draußen sie nur noch sehr gedämpft erreichen. Miranda erscheint es, als gäbe es in diesem Moment nur noch sie und den Wahrsager. „Diese Glaskugel, die Du bewundert hast, ist für alte, fantasielose Menschen, denen ich die eine oder andere Zukunft vorhersage.
Für Dich hingegen habe ich etwas ganz Besonderes. Schau mal hier, das ist für Dich.“ Und er schiebt ihr das in schwarzes Tuch eingewickelte Etwas zu. Miranda nimmt es ehrfürchtig an sich und schaut den Alten fragend an: „Darf ich es auswickeln?“ „Selbstverständlich, aber vorsichtig bitte!“ schmunzelt er. Wie ein rohes Ei entfernt Miranda den Stoff und erblickt eine große, wunderschöne Schneekugel. „Ohh!!“ entfährt es ihr. „Schau, Miranda, Du kannst diese Zauber-Schneekugel vorsichtig schütteln und dann, dann schaust Du ganz genau in das Schneegestöber…. und dann wirst Du dort Deine Zukunft sehen. Und sie wird genauso sein, wie Du sie Dir wünschst.“
Miranda schaut den Wahrsager mit einer Mischung aus Ungläubigkeit, Dankbarkeit und einem Hauch Enttäuschung an. Sie hatte erwartet, ihre Zukunft fix und fertig vorhergesagt zu bekommen. Die Zauber-Schneekugel ist wunderschön, aber es erscheint ihr so mühsam, sich eine Zukunft zu wünschen und sie dann im Schneegestöber zu sehen. Andererseits ..... sie begreift, dass ihr damit alle Möglichkeiten offen stehen! Sie grinst zufrieden und schaut sich zu den Eltern um, die erleichert aussehen. Sie bedanken sich bei dem alten Herrn und machen sich auf den Heimweg. Im Rucksack den tollsten Schatz, den man sich vorstellen kann.





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