6. Sehnsucht
- tanja0563
- 6. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit

(Ellen)
Der Wind weht immer von vorne. Jetzt auf dem Hinweg zur Schule genauso wie auf dem Rückweg. Warm eingepackt, lange Elli, Thermohose, dicke Jacke, Handschuhe, Mütze, Schal bis über die Nase und der norddeutsche, feuchtkalte Wind kommt irgendwie doch überall durch. Nicht nur durch den Schlitz, den man für die Augen wohl oder übel freilassen muss, sodass die Wimpern einfrieren, was sich anfühlt, als hätte man sich falsche angeklebt.
Brrr, unerschrocken treten die beiden Mädchen in die Pedale. Weiter, es geht immer weiter. Endlich erreichen sie die Stelle, wo der Weg so breit ist, dass sie nebeneinander fahren können. „Und, hast Du gestern noch viel für Mathe gemacht?“ erkundigt sich Marlene bei ihrer besten Freundin Anne. „Nee, nicht so viel. Ich konnte mich einfach nicht konzentrieren….“ gibt Anne zu. Auch durch die Winterkluft sieht Marlene, dass Anne noch mehr auf dem Herzen hat. Sie fahren zunächst ein Stück schweigend nebeneinander weiter.
Dann hakt Marlene nach: „konntest Du Dich etwa wegen Deiner nervigen Schwester nicht mehr konzentrieren?“ Es scheint ihr, als würde das, was durch den Schalschlitz zu sehen ist, rot werden. „Treffer,“ denkt sie und ruft triumphierend „Aaaaha“!? Anne macht eine abwehrende Geste und nimmt dafür eine Hand vom Lenker. Dabei kommt sie ins Schlingern und fast wären die beiden mit ihren Rädern zusammengerasselt. „Mannnoooo“, ruft Anne verärgert. „Alles gut“, beschwichtigt Marlene lachend. „Wenn Du mir nicht erzählen willst, warum Du Dich nicht konzentrieren kannst, dann denk ich mir eben meinen Teil.“
„Ich will es Dir ja wohl erzählen“ lenkt Anne ein „aber lach mich bitte nicht aus“. Marlene setz eine Grabgräbermine auf und Anne lacht auf. „Du bist unmöglich! Und Du kennst mich einfach viel zu gut“. Sie macht eine Pause und sie mussten nochmal ein Stück hintereinanderfahren. Als der Weg wieder breit genug ist, schliesst sie zu Marlene auf. „Aaaalso, Henrik hat mich gestern angerufen und gefragt, ob ich mit ihm ins Kino gehen möchte“ gesteht Anne mit sowas wie einer schuldbewussten Mine. „Aber das ist doch wunderbar“, jubelt Marlene. „Du schwärmst doch seit Wochen für ihn, also beruht das auf Gegenseitigkeit!“ „Ja,“ seufzt Anne „vielleicht!“
„Dass Du Dich danach nicht mehr auf Mathe konzentrieren konntest, kann ich nur allzu gut verstehen!“ „Manches aus Bio ist Dir da vermutlich eher durch den Kopf gegangen“ stichelt sie liebevoll und meint damit die Seiten in dem Biologiebuch über die menschliche Fortpflanzung, die sie sich neugierig zusammen angeschaut hatten.
„In dem Buch steht aber überhaupt gar nichts davon drin, dass man seinen Kopf dann eigentlich für Schule überhaupt gar nicht mehr gebrauchen kann.“ entrüstet sich Anne. „Mit „dann“ meinst Du, wenn man verliebt ist?“ hakt Marlene unerbittlich nach. „Jaa“, stöhnt Anne. „Ja, ich geb’s zu. Ich bin in Henrik verliebt. Wie er aussieht, und wenn er guckt und seine Stimme und was er dann sagt… aber, aber in dem Biobuch und auch sonst steht nirgendwo, wie schlimm das ist, wenn man verliebt ist! Wenn man den anderen vermisst, sich nach ihm sehnt. Sehnsucht, das ist so ein altmodisches Wort, aber ich hab das Gefühl, ich bekomme bald eine Sehnenscheiden-Entzündung im Herzen vor lauter Sehnsucht!!
Marlene schmunzelt unter ihrem zunehmend vereisten Schal, aber schaut stur geradeaus. Eine Weile fahren die beiden schweigend durch die Winterlandschaft. Bald sind sie bei der Schule angekommen.
„Sehnsucht ist eigentlich ein gutes Wort, weil „sehnen“ beschreibt, dass es schon auch weh tut und „Sucht“ gibt einen Hinweis darauf, dass man mit dem Verstand nicht viel ausrichten kann“ doziert Marlene. Nun geht der Weg ein wenig bergauf und sie müssen konzentriert und kräftig in die Pedale treten. „Eine „Sucht“ ist immer eine Krankheit, der man am besten begegnet, indem man sich selbst stark macht. Dann holt die Sucht einen nicht so von den Füßen“ fährt sie schnaufend fort.
Anne hat verstanden. „Wir machen uns auch gegenseitig stark, oder?“ Marlene nickt, „ich finde schon!“ Sie sind angekommen, stellen die Räder in den Stand und stehen nicht lange zögernd voreinander, sondern fallen sich schnell in die Arme. „So machen wir das“ murmeln alle beide.
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Sehr süß und irgendwie zum Thema passend: eine Doku über Aprikosen-liebende Ziesel auf ARTE https://www.arte.tv/de/videos/109770-000-A/ziesel-die-hoernchen-von-der-steppenwiese/




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