3. Obdachlos
- tanja0563
- 3. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit

(Stichwort und Foto von Uschi P.)
Die Tüten, die ihr Leben enthielten. Anja hallte der Satz, den die Dame auf den schicken Stöckelschuhen ihrem Begleiter zugeflüstert hatte, in den rot angelaufenen Ohren nach. Wie sehr sie sich schämte. Tatsächlich enthielten die Tüten ihr Leben. Ein paar Klamotten, Ihre Kulturtasche, der Schlafsack, die wichtigsten Papiere…
Einige andere Dinge waren im Bahnhofs-Schließfach und andere hatte sie bereits im Sommer bei einer Bekannten im Keller einmotten können, als sie sich entschlossen hatte, das Angebot aus New York anzunehmen. Sie hatte ihre Wohnung gekündigt und ihre überschaubaren Ersparnisse für eine ausgiebige Wander-Auszeit in den Karparten ausgegeben. Wenn sie erstmal in den Staaten wäre, hätte sie für sowas keine Zeit mehr.
Im „jetzt“ leben! Sie war ganz stolz auf sich gewesen und hatte eine tolle Zeit gehabt. Hatte ohne Plan von Tag zu Tag gelebt, war viel allein mit sich und der atemberaubenden Natur gewesen und die Begegnungen mit sehr einfachen, geerdeten Menschen hatten ihr viel gegeben.
Aber dann war alles anders gekommen. Das Angebot wurde kurzfristig abgesagt! Sie hatte so auf diese Chance in New York gebaut! Nun stand sie ohne einen Pfennig da! Weil sie immer so viel unterwegs gewesen war, fiel ihr auch niemand ein, den sie um Asyl hätte bitten mögen. Zumal sie ja nichtmal sagen könnte, für wie lange.
Die Stadtkirche war ihr als Ziel eingefallen, als sie etwas kopflos durch Karlsruhe geirrt war. Hier hatte sie so viele gute Erinnerungen. Ihre ersten Auftritte vor vielen Jahren…die warmen, goldenen Erinnerungen brachten Anja zum Lächeln. Aber die Kälte dieser Dezembernacht kroch von den harten Stufen durch ihre Kleidung und Verzweiflung machte sich in ihr breit.
So ein Mist. Wieso hatte sie bloß alles so komplett auf eine Karte gesetzt? Aber auch als sich der Machtwechsel in den USA abgezeichnet hatte, hätte man doch nicht damit rechnen können, dass die Änderungen und Einschnitte im kulturellen Bereich so massiv und so schnell eintreten würden, oder? Der Handyakku war schon vor einer Stunde leer gewesen, trotzdem blickte Anja aus Gewohnheit auf den schwarzen Bildschirm. Und nun?
Anja zog den dunklen Wollmantel noch etwas enger um sich und ihr entwich ein verzweifeltes Wimmern, das sie selbst erschreckte. Atmen. Weiteratmen, feuerte sie sich selbst stumm an. Und als ihre Lungen sich mit frischer Luft füllten, sie sich etwas aufrichtete, konnte sie gar nicht anders, als ihre Stimme zu erheben und ein Lied anzustimmen. Aus voller Kehle, angestachelt von ihrer Verzweiflung, sang sie. Anja sang, als sänge sie um ihr Leben, voller Liebe und Hingabe. Sie wollte gar nicht mehr aufhören zu singen.
Obwohl es spät und kalt war in dieser Nacht, blieben die spärlichen Passanten wie entrückt stehen und lauschten Anjas Gesang. Es wurden immer mehr und manche filmten diesen Solo-Auftritt auf den Stufen der Stadtkirche. Sie stimmte schließlich auch Vissi d’arte aus Puccini‘s Tosca an und konnte die Verzweiflung und Ausweglosigkeit der Floria Tosca besser ausdrücken als je zuvor.
Vissi d’arte, vissi d’amore, non feci mai male ad anima viva!
Con man furtiva quante miserie conobbi, aiutai.
Sempre con fé sincera, la mia preghiera ai santi tabernacoli salì.
Sempre con fé sincera diedi fiori agli altar.
Nell’ora del dolore perché, perché,
Signore, perché me ne rimuneri così?
Diedi gioielli della Madonna al manto,
e diedi il canto agli astri, al ciel, che ne ridean più belli.
Nell’ora del dolore, perché,
perché, Signore, ah, perché me ne rimuneri così?
(Übersetzung)
Ich lebte für die Kunst, lebte für die Liebe, tat keiner lebenden Seele etwas zuleide!
Mit diskreter Hand half ich, wo immer ich Elend sah.
Stets mit aufrichtigem Glauben stieg mein Gebet auf zu den heiligen Tabernakeln.
Stets mit aufrichtigem Glauben schmückte ich die Altäre mit Blumen.
In dieser Schmerzensstunde warum, warum, o Herr, warum dankst du mir das so?
Ich spendete Juwelen für den Mantel der Madonna,
brachte Gesang den Sternen und dem Himmel dar, wodurch diese noch schöner strahlten.
In dieser Schmerzensstunde, warum,
warum, o Herr, warum dankst du mir das so?
Zu den Zuhörern gesellten sich auch die Talentsucher, die als Nachzügler aus dem Konzert in der Stadtkirche kamen. Sie lauschten begeistert, nickten sich zustimmend zu und nahmen Anja sehr gern unter ihre wohlwollenden Fittiche. Und alles wurde gut.
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PS: Diese Geschichte hat mich dazu gebracht, mir für die Aufführung von TOSCA in der Bonner Oper am 19.6.2026 eine Karte zu kaufen: 2. Rang mitte, Reihe 3, Platz 1. In der Nachbarschaft dieses Platzes sind noch Plätze frei....falls Dich das auch anspricht.




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