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2. Vorname

  • tanja0563
  • 2. Dez. 2025
  • 2 Min. Lesezeit

Hanna lieferte das heutige Stichwort und das nehm ich einfach immer als Überschrift!

(Dies sind Feuerwanzen in der Mittagssonne)  




„Wenn ich mir meinen Vornamen hätte aussuchen können“ grummelte Dietrich, dann säße ich jetzt nicht hier. Emsig schrubbte er mit dem kleinen Lappen an dem Kaffeefleck auf dem Teppich. Der Teppich war der wenigen Gegenstände, der für ein wenig Gemütlichkeit in seiner Gefängniszelle sorgen sollte. Es war ein einfacher Flickenteppich aus vielen farbigen Baumwollstreifen gewebt und der Fleck ging nicht raus- fiel aber auch gar nicht sonderlich auf. Dietrich gab auf.

 

Da sitze ich hier und schrubbe an diesem dämlichen Flickenteppich. Was ist bloß aus mir geworden. Auch ich bin nur ein Flickenteppich….irgendwie.

 

Wenn ich mir meinen Vornamen hätte aussuchen können, hätte ich Sven oder Marc oder Henning geheißen. So edel und elegant. Das klingt nach „was besseres“. Das klingt nach weiss-blauem Nain-Perserteppich. Oder meinetwegen Markus, Stefan oder Matthias. Oder Lars. Was einem normalen, hübschen Teppich fürs Wohnzimmer entspricht. Den man sich sorgfältig ausgesucht hat aber der unempfindlich ist.

 

Aber meine Eltern haben mich schon bei meiner Geburt mit dem Namen gestraft: Dietrich. Da denkt doch jeder an Panzerknacker, Einbrecher und dümmliche Diebe, oder?? Da war meine Laufbahn doch vorprogrammiert. Immer der Außenseiter, stets gehänselt. Ich hab dann Quatsch gemacht, um ein bisschen wer zu sein. Das hat ja auch geklappt. Flickenteppich halt.

 

Dietrich seufzte. Irgendwie war es ja auch bequem im Knast. Er hatte ein Dach über dem Kopf, bekam zu Essen und die Arbeit in der Wäscherei war manchmal sogar lustig. Darum war er auch gar nicht so froh darüber, dass er seine Strafe in drei Wochen würde abgesessen haben. Es gab zwar diese Bemühungen der Re-Integration, aber er müsste halt ganz von vorne anfangen. Ein neues Leben mit 58. Wie soll das gehen?

 

Unschlüssig nahm er sein Handy in die Hand. Als wenn auf dem Bildschirm Antworten auf seine Fragen erscheinen würden, wenn er bloß die richtige Frage stellen würde. Er tippte „Dietrich“ ein und klickte auf „suchen“.

 

Die erste Seite, die erschien, war über Dietrich Bonhoeffer. Konzentriert las Dietrich:

 

Am 9. April 1945 wurde Dietrich Bonhoeffer im Konzentrationslager Flossenbürg bei Regensburg hingerichtet. Dietrich Bonhoeffer wurde nur 39 Jahre alt. Und doch hat kaum ein evangelischer Theologe des 20. Jahrhunderts so tief in Kirche und Gesellschaft hinein gewirkt wie er. Sein leidenschaftlicher Protest gegen die Nationalsozialisten, seine aktive Rolle im Widerstand gegen Hitler, seine Bücher und sein Tod finden weit über die deutschen Grenzen hinaus Beachtung.

 

Er schluckte. Hingerichtet. Mit 39. Puh- und da jammerte er? Es hatte ja tatsächlich zumindest einen anderen Dietrich gegeben, der nicht auf die schiefe Bahn geraten war, sondern ein ganz anderes Leben geführt hatte. Der eine aktive Rolle spielte. Der Leidenschaft kannte. Er las weiter und fand ein Zitat Bonhoeffers, das ihm den Atem raubte:

 

„Den größten Fehler, den man im Leben machen kann, ist,

immer Angst zu haben, einen Fehler zu machen.“

 




 
 
 

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