17. Nachbarn
- tanja0563
- 17. Dez. 2025
- 2 Min. Lesezeit

(Elke)
Berthold’s Miene verdüstert sich, als der Orthopäde ihm freundlich routiniert die einzige Behandlungsmöglichkeit seiner Knieschmerzen eröffnet: eine Operation! „Wir können das minimalinvasiv machen“, beschwichtigt der Doktor, als er merkt, wie wenig Gefallen sein Patient an der Idee eines operativen Eingriffs findet.
Berthold kriecht eine warme Welle aus Angst, Wut und Ohnmacht vom Bauch in den Kopf und mit Bestürzung muss er feststellen, dass er Gefühle hat, die ihn fast überwältigen. Er schluckt und seine Augen werden rot und feucht. Er will das alles überhaupt gar nicht.
Der Orthopäde bemerkt durchaus, was Berthold passiert. Den Patienten zu trösten ist aber wirklich nicht sein Job! Darum legt er energisch die Akten zusammen, erhebt sich und nickt Berthold aufmundernd zu: „Machen Sie vorne einen Termin aus und schauen Sie mal, wo sie die Reha machen möchten.“
Berthold erhebt sich mit hängenden Schultern und tut, wie ihm aufgetragen. Gedankenverloren macht er sich auf den Heimweg und wie er so dahin trottet, das kaputte Knie nachziehend, spürt er irgendwann, dass hinter ihm jemand mit dem Fahrrad fährt. Genervt dreht er sich um, als zeitgleich der Radfahrer zu ihm aufschließt. „Hallo Herr Bauer! Ich bin Siegfried Siebrecht, ihr Nachbar aus dem Erdgeschoß!“
Unwirsch erwidert Berthold den Gruß: „Hm, ach so …Hallo! Haben Sie Sie mich aber erschreckt! Man weiß ja nie, ob einem heutzutage jemand von hinten schubsen oder ausrauben will. Aber bei mir würden die Diebe dumm aus der Wäsche schauen, bei mir gibt’s nichts zu klauen.“
Er brummt die Sätze mehr vor sich hin als dass er wirklich mit Herrn Siebrecht spricht. Dieser aber wendet sich Berthold zu und steigt vom Rad. „Ja, heutzutage ist es gut, wenn wir uns zusammentun, finde ich!“ Ist es okay für Sie, wenn wir das letzte Stück zusammen bestreiten? Ich finde es schön, meine Nachbarn ein wenig kennenzulernen.“
Berthold ist baff. Das kennt er nicht, dass jemand einfach freundlich zu ihm ist und seine Gegenwart schätzt. Immer noch erschüttert von der Diagnose und besorgt um das, was auf ihn zukommt, verspürt er eine längst vergessene Neugier und Offenheit. Er überwindet seine Muffeligkeit und schaut Herrn Siebrecht ins Gesicht. „Das können wir wohl machen!“ sagt er mit fester Stimme und fügt hinzu „ich bin übrigens Berthold“. „Fein, ich bin Siegfried“ und sie lächeln sich an.




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