1. Unbekannt- oder auch nicht
- tanja0563
- 1. Dez. 2025
- 4 Min. Lesezeit

Dem kleinen Lasse fielen fast die Augen zu, doch Pauline las ihm die das Kapitel vom „Kleinen Prinzen“ zu Ende vor: „Die Zeit, die Du für deine Rose verloren hast, sie macht deine Rose so wichtig“. „Die Zeit, die ich für meine Rose verloren habe, macht sie so wichtig…“ sagte der kleinen Prinz, um es sich zu merken“. Pauline bemerkte, dass Lasse sehr tief ein- und ausatmete und fest eingeschlafen war. Lächelnd und müde legte sie das Buch zur Seite und schälte sich vorsichtig aus dem schmalen Kinderbett, um ihn nicht aufzuwecken. Sie löschte das Licht und schlich auf Zehenspitzen aus dem Zimmer und schloss sanft die Tür.
„Puh, geschafft!“ dachte sie. Es war ein langer Tag gewesen, aber im Grunde war es noch früh am Abend. Sie holte ihren Pyjama, ging ins Bad und duschte ausgiebig, um die Anspannung und auch den Schweiß des Tages abzuwaschen. Der Duft des Bergamotte-Duschgels gefiel ihr gut und während das schlechte Gewissen wegen des Wasserverbrauchs und des Gasverbrauchs ihr nahelegten, endlich zum Ende zu kommen, genoss sie es so sehr, wie die warmen, fast heißen Tropfen auf ihren Körper prasselten und sie belebten.
Sie ging in die Hocke, machte sich ganz klein und widmete sich mit Hingabe ihren Füßen. Ihre Füße. Seit so vielen Jahrzehnten trugen die sie schon durchs Leben. Mal mit Nagellack, mal ohne. Mal mit den Abdrücken der gestrickten Wandersocken, mal mit den Sonnenstreifen der Birkenstock-Sandalen. Ihre Füße waren immer dieselben, und doch betrachtete Pauline sie nun, als sähe sie sie zum ersten Mal. Als wären sie ihr gänzlich unbekannt. Schmal, schlank, vorne eher breit, mit ziemlich viel Restbräune, überall mit recht prominenten Adern….ob sie ihre eigenen Füße unter ganz vielen anderen wiedererkennen würde? Wurde bei Hochzeiten früher nicht so ein Spiel gespielt, wo junge Bräute die Waden ihrer gerade angetrauten Gatten wiedererkennen mussten? Sogar mit verbunden Augen? Pauline gluckste, stand auf und stellte das Wasser endlich ab. Sie trocknete sich mit dem Bademantel ab, kuschelte sich in ihn hinein, während sie die Zähne putzte und dann in ihren Pyjama schlüpfte. Der gemütliche Teil des Abends konnte beginnen.
Im Wohnzimmer blickte Franz von seinem Buch auf, als sie zur Tür hereinkam. „Magst Du auch noch einen Kräutertee?“ fragte sie ihn und er nickte dankbar. Kurze Zeit später kam sie mit zwei dampfenden Tassen zurück und nahm neben ihm auf dem gemütlichen Sofa Platz. Franz hatte den Kamin angemacht und, was sie beim Teekochen erfreut bemerkt hatte, wie immer die Küche aufgeräumt und schon einiges für den nächsten Morgen vorbereitet. Sie teilten sich die große Kuscheldecke und schauten beide in die lodernden Flammen.
„Hast Du schonmal darüber nachgedacht, wie arrogant es ist, dass es so viele supertolle Dinge gibt und wir nehmen sie so ganz selbstverständlich hin? Unsere Füße zum Beispiel: die sind soo wichtig!“ meinte Pauline irgendwann in das friedliche Schweigen hinein. Franz schmunzelte. Er wechselte die Position und nahm, nach einem zustimmenden Nicken seiner Frau, ihre Füße in seine Hände und begann eine sanfte Massage. „Das ist eine gute Idee, auch wenn ich darauf gar nicht hinauswollte“ murmelte Pauline genussvoll, als die die Teetasse zur Seite stellte. Sie dachte noch ein Weilchen nah. Als Franz mit der Fuß- Massage fertig war und sich beide wieder den Teetassen zuwandten, sprach sie weiter. „Es ist doch so, wie der kleine Prinz von Saint-Exupery es sagt: Die Minuten, Stunden, Tage und Jahre an Lebenszeit, die wir in Dinge stecken, machen, dass wir diese Dinge wichtig finden. Wir können also mitbestimmen, was uns wichtig ist: einfach indem wir manchen Dingen mehr und anderen weniger Zeit widmen! Ganz automatisch werden wir Dinge, denen wir weniger Zeit schenken, auch weniger wichtig finden. Und Dinge und Körperteile und Menschen und Tätigkeiten, auf die wir mehr Zeit verwenden, werden wichtig. Oder?“
Franz nahm einen Schluck Tee und freute sich darüber, dass er mit seiner Frau über solche Dinge sprechen konnte. „Genau“, stimmte er zu. „Deine Füsse haben nun endlich mal wieder etwas Aufmerksamkeit bekommen. Ich hatte schon fast vergessen, wie hübsch ich sie finde“ Beide lachten. „Dewegen ist es möglich, dass auch Dinge und Gewohnheiten oder Rituale, die eigentlich „immer gleich“ sind, sich wandeln, sinnierte Franz. „Wenn wir sie vernachlässigen, zu wenig Aufmerksamkeit und Zeit investieren, können wir sie auch verlieren. Wenn wir achtsam sind, wandeln sie sich in die Richtung, die uns gefällt.“ Pauline bekam eine Gänsehaut. Was Franz sagte, ging so tief, betraf so viele Bereiche ihres Lebens, ihrer Ehe.
„ Und manchmal“, führte Pauline weiter aus, „manchmal fühlen sich Dinge, die genau gleich geblieben sind, mit der Zeit einfach anders an. Weil wir uns verändern, oder?“ Franz hakte nach: „Denkst Du zufällig gerade an Weihnachten?“ Pauline lächelte zustimmend. Tatsächlich ist jedes Jahr Weihnachten, und doch fühlt es sich immer wieder anders an. Und auch hier können wir gestalten, Schwerpunkte setzen oder auch was weglassen. Je nach dem, in was wir Zeit und Aufmerksamkeit investieren wollen- und genau das wird uns dann wichtig sein.
(Stichwort von Emilia)




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