top of page

21. Brieffreundschaft

  • tanja0563
  • 21. Dez. 2025
  • 2 Min. Lesezeit

 

(Birgit)

 

Astrid schaut sich die Adresse an. Ramona Schneider, Flockengrasweg 42, 59876 Probstdorf. Das könnte ihre Brieffreundin werden. Dann fällt ihr Blick auf das leere Blatt Papier. Eigentlich ist es kein Briefpapier, sondern die Rückseite eines Kalenderblatts. Ein weiser Spruch und ein schönes Bild zieren die Vorderseite und die Rückseite ist ganz glatt und weiß. Nach einigen Startproblemen ist auch ihr Füller startklar. „Liebe Ramona“, schreibt sie und fügt oben rechts noch Ort und Datum hinzu.

 

Und dann, ja dann fällt ihr nichts ein. Außer, dass sie die Waschmaschine anstellen möchte und einen Kaffee trinken und eine Runde mit dem Hund drehen und den Vorgarten „schier“ machen, die Spülmaschine ausräumen, die getrocknete Wäsche wegräumen, das Bett machen, die Pfandflaschen wegbringen, die Schwägerin anrufen, die Rechnungen bei der Krankenkasse einreichen, Kekse backen … Und wenn sie all das, oder auch nur einen Teil davon, erledigt hätte, dann wäre schon längst Zeit zum Mittagessen und dann würde der Tag weiter voranschreiten. Und am Ende wäre sie müde. Zu müde um einen Brief zu schreiben.

 

Astrid steht auf, geht in die Küche, stellt den Wasserkocher für heißes Wasser an und in der Wartezeit räumt sie flink die Spülmaschine aus. Sie brüht eine Tasse frischen Kaffee auf, gibt einen Schluck kalte Milch dazu und kehrt an ihren kleinen Tisch im Schlafzimmer zurück. Sie stellt den Kaffee ab, macht noch das Bett und dann die Tür zu. Es muss doch möglich sein, eine halbe Stunde lang etwas „unnützes“ zu tun. Einfach nur Worte aufs Papier zu bringen, die irgendwie über dem Alltag und dem Haushalt stehen.

 

Sie nippt genüsslich an dem heißen Kaffee und schaut aus dem Fenster. Im winterlichen Garten ist es still. Graugrün und graubraun wechseln sich ab. Der Rasen ist zu lang und grasgrün, aber die Luftfeuchtigkeit ist so hoch, dass es selbst hier nebelig aussieht. Man kann nicht weit sehen und es zieht Astrid so gar nicht nach draußen. Der Hund kratzt an der Tür. Sie steht nochmal auf und lässt ihn hinein. Er legt sich schnell auf seinen Platz unter dem Tisch und schaut sie von dort aus an, als wolle er sagen „Entschuldigung, ich wollte gar nicht lang stören, ich bin nur gern in Deiner Nähe“.

 

Astrid schmunzelt und streicht im Geiste ihre „to do’s“ zusammen. Das ist jetzt alles nicht wirklich wichtig. Dieser Moment ist zählt. Sie kann immer nur eine einzige Sache tun. Und danach die nächste. Eins nach dem anderen und jetzt möchte sie diesem Brief die Priorität geben. Sie schließt kurz die Augen und atmet dreimal tief ein und aus und denkt dabei „Moooment“. Dann nimmt sie den Füller und ihre Hand fliegt über das Papier.

 

Immer wieder bremst Astrid sich, und versucht, etwas ordentlicher zu schreiben. Aber es dauert nicht lange und sie hat die Seite mit in Worte gefassten, persönlichen Gedanken gefüllt. Sie beschriftet noch den Briefumschlag, sucht das passende Porto aus der Briefmarken-Kiste, weckt den Hund zieht Schuhe, Jacke und Mütze an und geht mit dem Hund zum Briefkasten. Nun ist sie gespannt, ob eine Antwort kommt!



 
 
 

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen

©2023 von Flow Wolf Fly. Erstellt mit Wix.com

bottom of page