19. Gezeiten
- tanja0563
- 19. Dez. 2025
- 2 Min. Lesezeit
(Tanja)
Gezeiten
Ingeborg presst das Gesicht ins Kissen als die Tränen ihr in die Augen schießen. Schon wieder ist ihr Mann Piet mit den matschigen Stiefeln durch die frisch gebohnerte Diele gestrumpelt, laut polternd und vor sich hin grölend. Dabei hatte er doch fest versprochen, an diesem Freitag mit ihr zu Abend zu essen, eine Runde Rummykub zu spielen und auf keinen Fall in die Kneipe zu gehen. Wieso ist sie so naiv und glaubt ihm immer wieder, wenn er verspricht, sich zu bessern, mit dem Saufen aufzuhören und der Mann zu sein, den sie vor 40 Jahren geheiratet hatte?
Als nach viel Getöse Piet irgendwann neben ihr zur Ruhe kommt und seelenruhig anfängt zu schnarchen, liegt Ingeborg hellwach da, starrt wutentbrannt in die Dunkelheit und lauscht dem wilden Rauschen der Brandung.
Drei Tage später: Kommissar Paulsen zieht das betippte Blatt aus der Schreibmaschine. „Viel ist das ja nicht, Ingeborg. Aber wir haben die Vermisstenanzeige nun aufgenommen. Tut mir sehr leid um Deinen Piet. Aber hoffen wir mal, dass er bald gesund und munter wieder auftaucht.“ Ingeborg zieht die schwarze Strickjacke fest um sich und schaut Kommissar Paulsen nachdenklich an und schweigt. Es sind nun schon drei Tage, die Piet spurlos verschwunden ist.
Am Samstagabend, als Piet wieder betrunken nach Hause gekommen war, hatte sie ihn nochmal losgeschickt, um auf den Sandbänken nach dem Rechten zu sehen. Sowohl die Seehunde als auch die Grauband-Möwen hatten Nachwuchs und mit dem NaBu war vereinbart, dass er regelmäßig kontrollierte, dass genug Wasser und Futter zur Verfügung stand. Diese Aufgabe war recht anspruchsvoll, weil man die Gezeiten gut kennen musste, um sicher durch das Watt zu den Sandbänken und auch wieder zurückzugelangen. Eigentlich ging Piet nicht gern nachts, aber am Samstag war nun mal nachts Ebbe gewesen. Sie hatte ihm noch ndie große Taschenlampe mitgeben wollen, aber er hatte großkotzig abgewunken und gelallt: „die brauch‘ ich nicht, es ist doch Vollmond“. Er warf noch einen Blick auf die Küchenuhr. Doch, das würde er gut schaffen vor der Flut. So hatte Ingeborg ihren Piet ziehen lassen. Und seitdem nichts von ihm gehört oder gesehen.
Am vierten Tag kommt Kommissar Paulsen persönlich zu ihrem reetgedeckten Haus am Strand. Mit hängenden Schultern tritt er in die gute Stube, nachdem er die Polizei-Mütze abgenommen hat. Schlechte Nachrichten hat er nicht - aber gute auch nicht und das bedeutet in diesem Vermisstenfall nichts Gutes.
Da fällt sein Blick auf die Küchenuhr und er legt eine Hand auf den Bauch. Trügt ihn sein Hungergefühl? Ist es wirklich erst 11 Uhr? Er spitzt die Ohren und hört schwach die Kirchturmuhr im Dorf schlagen. Er zählt mit: es ist schon 12 Uhr.
Als Ingeborg seinen nachdenklichen Blick zur Küchenuhr bemerkt, läuft sie rot an. Mist, das hatte sie vergessen. „Du bist erstmal festgenommen, Ingeborg. Wegen Verdacht des Mordes an Piet. Du hast die Küchenuhr verstellt und ihn ins Watt geschickt, als klar war, dass er es nicht rechtzeitig zurückschaffen und von der Flut geholt werden würde.“

(Diese Geschichte stammt aus dem Schreib-Lust-Kurs und ich habe sie schonmal gepostet)




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